Meine Tochter hat gemalt, als der Stift leer war. Sie hat ihn quer durch das Zimmer geworfen.
Eine Kleinigkeit, aber ihr Frust war groß und echt. In diesem Moment hätte es ihr nichts gebracht, ihr zu sagen, sie solle sich "beruhigen". Sie wusste nicht, wie.
Bewältigungsstrategien sind nicht angeboren. Man lernt sie durch Übung, in kleinen, sicheren Momenten, bevor die großen kommen. Bastelaktivitäten schaffen genau solche Momente. Wir können vorhersehen, welche Gefühle auftauchen werden (Frust, Enttäuschung, Ungeduld), und Kinder direkt dabei begleiten.
Bei den folgenden Aktivitäten geht es nicht darum, etwas Hübsches zu basteln. Sie sollen schwierige Gefühle in überschaubaren Dosen hervorrufen, damit Kinder üben können, mit ihnen umzugehen.
8 Bewältigungsstrategien für Kinder
1. Das Glitzerglas

Das klassische Hilfsmittel zum Beruhigen, aber das Üben passiert schon beim Basteln. Die Kinder müssen warten, bis sich der Kleber setzt, dem Drang widerstehen, das Glas zu früh zu schütteln, und kleine Unregelmäßigkeiten aushalten. Wir benennen diese Momente: "Es ist schwer zu warten. Wie fühlt sich Warten in deinem Körper an?"
Material: Durchsichtiges Glas oder Flasche, Wasser, Glitzer, Kleber oder Glycerin
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind möchte das Glas schütteln, bevor es fertig ist. "Deine Hände wollen es unbedingt schütteln. Kannst du dieses Gefühl bemerken und noch ein bisschen warten?"
- Der Glitzer sieht nicht so aus, wie sie es sich vorgestellt haben. "Es ist anders, als du geplant hast. Was bemerkst du dabei?"
- Das Glas von jemand anderem sieht "besser" aus. Vergleichen weckt Gefühle. "Dein Glas gehört dir. Was magst du daran?"
- Der Glitzer setzt sich zu schnell oder zu langsam. "Manchmal funktionieren Dinge nicht genau so, wie wir es wollen. Was könnten wir ausprobieren?"
- Den Einsatz üben: "Wenn der Glitzer herumwirbelt, ist das wie bei großen Gefühlen. Schau zu, wie er sich setzt."
2. Die Gefühlsgesichter

Kinder zeichnen oder gestalten Gesichter, die verschiedene Gefühle zeigen, nicht nur fröhlich und traurig, sondern auch frustriert, besorgt, eifersüchtig, enttäuscht. Gefühle benennen zu können ist die erste Bewältigungsstrategie. Mit dem, was wir nicht benennen können, können wir nicht arbeiten.
Material: Pappteller oder Kreise, Stifte, Wolle für Haare (optional)
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind möchte nur fröhliche Gesichter machen. Nicht korrigieren, sondern gemeinsam staunen: "Und wenn du etwas anderes fühlst?"
- Ein wütendes Gesicht zu machen löst unangenehme Gefühle aus. "Es ist in Ordnung, ein wütendes Gesicht zu machen. Jeder ist mal wütend."
- Das Kind macht ein Gesicht, das zu seiner aktuellen Stimmung passt. Bemerke es: "Dieses Gesicht sieht frustriert aus. Fühlst du dich gerade auch ein bisschen frustriert?"
- Jemand bewertet das Gesicht eines anderen: "Das sieht doch nicht traurig aus!" Frag nach: "Verschiedene Menschen zeigen Gefühle auf verschiedene Arten."
- Den Einsatz üben: "Wenn du etwas Großes fühlst, kannst du mir zeigen, welches Gesicht dazu passt?"
3. Der Anti-Stress-Ball

Einen Luftballon mit Mehl oder Reis zu füllen erfordert Geduld: Das Mehl rieselt daneben, der Ballon lässt sich schwer offen halten, er füllt sich nicht so schnell, wie man möchte. Der Frust ist die eigentliche Aktivität. Wir üben, ruhig zu bleiben, wenn etwas schwierig ist.
Material: Luftballons, Mehl oder Reis, Trichter, Stifte zum Verzieren
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Mehl rieselt daneben. Der Frust steigt. "Ich sehe, dass du frustriert wirst. Was könnte jetzt helfen?"
- Der Ballon platzt oder fällt zusammen. "Das ist enttäuschend. Es ist in Ordnung, traurig zu sein. Magst du es noch einmal versuchen?"
- Jemand ist schneller fertig und sein Ball sieht besser aus. "Vergleichen kann sich schwer anfühlen. Konzentrier dich auf deinen."
- Das Kind möchte aufgeben. "Das ist knifflig. Du kannst eine Pause machen und später weitermachen."
- Den Einsatz üben: "Wenn du dich innen ganz angespannt fühlst, drück hier. Was passiert in deinem Körper?"
4. Der Atemfreund

Kinder basteln ein kleines Stofftier und üben dann, es sich auf den Bauch zu legen und zuzusehen, wie es sich mit dem Atem hebt und senkt. Das Basteln ist einfach. Das Üben, also beim Atmen aufzupassen, wenn man ruhig ist, bereitet sie darauf vor, es auch dann zu nutzen, wenn sie aufgewühlt sind.
Material: Socken oder Stoff, Füllwatte oder Wattebällchen, Stifte oder Knöpfe
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind bastelt zu hastig. "Lass dir Zeit. Dieser Freund wird dir helfen, dich ruhig zu fühlen."
- Die Füllung lässt sich nicht leicht hineinstopfen. "Das ist der knifflige Teil. Mach langsam. Du schaffst das."
- Der von jemandem sieht anders aus als gedacht. "Er gehört dir. Welchen Namen gibst du ihm?"
- Das Kind will nicht langsamer werden, um das Atmen zu üben. "Lass uns drei Atemzüge versuchen. Schau, wie sich dein Freund hebt und senkt."
- Täglich üben: "Leg deinen Freund auf deinen Bauch. Kannst du ihn langsam steigen lassen?"
5. Die Sorgenbox

Kinder verzieren eine Box und schreiben oder malen dann ihre Sorgen auf Zettel, die sie hineinlegen. Sorgen nach außen zu bringen, also aus dem Kopf in einen Behälter, ist eine echte Bewältigungsstrategie. Das Basteln macht sie greifbar.
Material: Kleine Box (eine Taschentuchbox eignet sich gut), Papier, Stifte, Bastelmaterial zum Verzieren
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind sagt, es habe keine Sorgen. "Jeder hat Dinge, über die er nachdenkt. Auch kleine Dinge zählen."
- Eine Sorge taucht auf, die größer ist als gedacht. Lass sie da sein. "Das klingt wichtig. Ab in die Box damit."
- Das Kind möchte die Sorgen von jemand anderem lesen. "Die sind privat. Deine Sorgen sind auch privat, außer du möchtest sie teilen."
- Das Kind holt die Sorgen immer wieder heraus. "Wenn sie drin sind, bleiben sie drin. Die Box bewahrt sie für dich auf."
- Regelmäßig üben: "Lass uns vor dem Schlafengehen die Sorgen von heute in die Box legen."
6. Beruhigende Ausmalseite
Hier geht es zur Aktivität: Beruhigende Ausmalseite mit Flamingo & Bär →
Ausmalen ist eine der zugänglichsten beruhigenden Aktivitäten. Die gleichmäßige Bewegung, die Konzentration darauf, in den Linien zu bleiben, das sinnliche Erleben der Farben: All das verlangsamt ganz von selbst die Atmung und beruhigt einen aufgewühlten Kopf. Wir nutzen eine Freundschafts-Ausmalseite, damit Kinder das Beruhigen gemeinsam üben können.
Material: Ausgedruckte Ausmalseite, Wachsmalstifte oder Buntstifte
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind malt zu hastig. "Langsam auszumalen ist die Übung. Achte auf jeden Strich."
- Das Kind wird frustriert, weil es über die Linien malt. "Das ist in Ordnung. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, wie sich das Ausmalen für dich anfühlt."
- Jemand ist schnell fertig und möchte aufhören. "Dein Freund malt noch. Was könntest du tun? Vielleicht noch ein paar Details ergänzen."
- Das Kind findet Ausmalen langweilig. "Manchmal braucht unser Kopf genau das Langweilige. Lass uns fünf Minuten probieren und schauen, wie es dir danach geht."
- Den Einsatz üben: "Du wirkst aufgewühlt. Würde dir Ausmalen helfen, dich ruhiger zu fühlen?"
7. Das Gefühlsthermometer

Ein einfaches Bastelprojekt: ein Thermometer aus Papier, auf dem Kinder ihren Gefühlspegel markieren. Aber das Üben, in sich hineinzuhorchen, zu bemerken, wie groß ein Gefühl ist, und zu beobachten, wie es sich verändert: Das baut eine Selbstwahrnehmung auf, die zur Bewältigungsstrategie wird.
Material: Papier, Stifte, eine Wäscheklammer oder ein Schieber zum Markieren der Stufen
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind setzt sich immer auf dieselbe Stufe. "Horch wirklich in dich hinein. Ist heute genauso wie gestern?"
- Das Kind will ein großes Gefühl nicht zugeben. "Alle Stufen sind in Ordnung. Das Thermometer hilft uns nur, etwas zu bemerken."
- Jemand bewertet die Stufe eines anderen: "Du bist doch gar nicht so aufgewühlt!" Frag nach: "Nur sie weiß, wie sie sich innen fühlt."
- Das Kind möchte seine Stufe an die eines Freundes anpassen. "Deine Gefühle gehören dir. Sie müssen nicht gleich sein."
- Über den Tag verteilt üben: "Wo bist du gerade auf deinem Thermometer? Schau in einer Stunde noch mal."
8. Das Vorher-Nachher-Bild

Kinder malen sich selbst, während sie ein großes Gefühl spüren, und malen dann, wie sie aussehen, nachdem sie eine Bewältigungsstrategie genutzt haben. Die Veränderung sichtbar zu machen macht sie real. Sie sehen, dass Gefühle sich verändern und nicht für immer feststecken.
Material: Papier (in der Mitte gefaltet), Wachsmalstifte oder Stifte
Soziale und emotionale Herausforderungen:
- Das Kind kann nur das "Vorher" malen und sich das "Nachher" nicht vorstellen. "Was würde dir helfen, dich anders zu fühlen? Lass uns gemeinsam überlegen."
- Das Kind malt sich beim "Vorher", wie es schlägt oder schreit. Nicht korrigieren. "So fühlt es sich manchmal an. Was hilft danach?"
- Das "Nachher"-Bild zeigt das Kind völlig glücklich. "Meistens fühlen wir uns ein bisschen besser, nicht gleich ganz besser. Das ist in Ordnung."
- Das Kind hat Mühe zu erkennen, was hilft. "Lass uns ein paar Sachen ausprobieren. Atmen? Etwas drücken? Herumlaufen?"
- Bewahrt die Bilder auf: "Wenn du dich das nächste Mal wie auf deinem 'Vorher'-Bild fühlst, denk daran: Dein 'Nachher' ist möglich."
Warum diese Aktivitäten funktionieren
Bewältigungsstrategien, die in ruhigen Momenten gelernt werden, sind in schweren Momenten abrufbar. Das sagt die Forschung, und es passt zu dem, was Eltern beobachten: Kinder, die geübt haben, ihre Gefühle wahrzunehmen und Strategien zu nutzen, setzen sie auch wirklich ein, wenn sie aufgewühlt sind.
Diese Bastelideen sind keine Zauberei. Sie sind Übung. Das Glitzerglas beruhigt niemanden, wenn er nicht schon in ruhigen Momenten zugesehen hat, wie sich der Glitzer setzt. Der Atemfreund hilft nicht, wenn das Kind das langsame Atmen nicht geübt hat, als es ihm gut ging.
Ein paar Wochen, nachdem wir die Sorgenbox gebastelt hatten, sagte meine Tochter: "Mama, ich habe etwas für die Box." Sie schrieb es selbst auf, faltete den Zettel und legte ihn hinein.
Die Sorge verschwand nicht. Aber sie konnte etwas damit anfangen, statt sie allein mit sich herumzutragen. So sieht Bewältigung aus: schwere Gefühle nicht auslöschen, sondern Wege haben, durch sie hindurchzukommen.

